Protokoll einer konstituierenden Sitzung

Und damit war es soweit. Admiral Leonard McCloud zog zum wiederholten Male seine Uniform grade. Saß auch wirklich alles? Der Terraner war eine besondere Erscheinung, er hatte ein markantes Profil mit einer klar gezeichneten Nase, eine hohe Stirn und stets nach hinten gekämmte Haare. Dazu blaue Augen, die einen durchdringend anschauen konnten. Das ganze war ein ziemlicher Kontrast zu seiner hohen Stimme und dem Umstand, dass er zu einem leichten Lispeln neigte, vor allem, wenn…

…wenn was? Genau das war das Problem für die Beobachter. McCloud wirkte stets sehr kontrolliert. Das Lispeln kam und ging, scheinbar ohne jede Ursache. War er manchmal eher abgelenkt, so dass er sich nicht auf seine Aussprache konzentrierte? Oder vielleicht doch einfach nur aufgeregt? Man konnte es nicht sagen. Es war einfach so.

Der Raum, in dem sich alle trafen, hatte eine sehr nüchterne Bezeichnung: Großer Konferenzraum des Konferenzzentrums der BASIS ATLANTIS. Die Bezeichnung hatte er schon, seit die ATLANTIS vor vielen Jahren in Betrieb genommen worden war. Vielleicht sollte man mal einen Wettbewerb veranstalten und nach Vorschlägen für einen besseren Namen fragen. Bis es aber soweit war, hieß der Raum einfach „großer Konferenzraum“. Das ganze Konferenzgebäude war ursprünglich mal in einen Hügel eingearbeitet worden, der Tarnung wegen. Nachdem man die Tarnung nicht mehr brauchte, waren die Außenanlagen umgearbeitet worden. Vor allem nachdem hier eine Gartenschau stattgefunden hatte. Das geschwungene Dach war freigelegt und die Gärten neu gestaltet worden. Es sah alles sehr schön aus.

Das Konferenzzentrum. Bild: Storyblocks

„Aber“, gab Admiral McCloud zu bedenken, „eigentlich sollte es anders aussehen!“
Natascha Jung, die Kommandantin der BASIS ATLANTIS, sah ihn verwirrt an. Die beiden standen mitten in dem großen Konferenzraum und beobachteten, wie sich die Repräsentanten der Planeten des Sonnensystems langsam sammelten.
„Was… wo… wie…“, stammelte sie eine Ansammlung von Fragewörtern.
„Wie ich das meine?“, übernahm McCloud und lenkte damit das Gespräch genau in die Richtung, in der er es haben wollte. „Ganz einfach: Sehen sie mal raus!“
Sie tat es. Draußen war… naja, draußen. Es war vier Uhr Nachmittags, langsam wurde es dunkel. Aber sonst…
„Okay, Admiral, wenn das ein Rätsel sein soll, ich komme nicht drauf!“, gab sie zu.
„Das Wetter!“, drängte er. Der Himmel war blau. Ein paar Wolken waren zu sehen. Heute hatte es immer noch an die 10° Celsius Außentemperatur gehabt.
„Ach so“, sagte Commander Jung. „Die Vorhersage meint aber, dass wir heute Nacht wieder Minusgrade kriegen. So wie es sich für die Jahreszeit gehört.“
„Ja, und mein Schädel wird wieder platzen“, brummte McCloud. „Diese ganzen Wetterumschwünge – und dann ist es zu warm. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber es ist zu warm.“
„Wir werden uns daran gewöhnen müssen“, meinte Natascha. „Im Moment sieht es nicht danach aus, als würden die Nationen des Planeten…“ Sie unterbrach sich. Smalltalk war nett und schön, aber jetzt gab es Arbeit zu tun. „Sir“, sagte sie, „es ist jetzt 16.01 Uhr!“
McCloud brummte. „Das ’01‘ ist besonders wichtig“, stellte er fest. „Aber Sie haben ja Recht, wir sollten anfangen.“

Der Admiral bewegte sich durch den Raum. Je nach Bedarf konnte man den Saal anders bestücken. In diesem Fall war ein großer, ovaler Tisch in der Mitte platziert worden, mit Sitzplätzen für alle Abgesandten. Jeder Sitzplatz war mit einem Computerterminal ausgestattet worden. Am Ende Ende des Ovals befand sich der Sitzplatz für die Vertreter der Raumflotte ASTROCOHORS. Hinter ihnen an der Wand hing ein großes Plakat, das die Planeten des Sonnensystems zeigte. Es gab kein offizielles Siegel des Sonnensystems, deswegen half man sich so aus.

In einer Ecke des Raums befand sich ein separater Tisch für die Adjutanten von ASTROCOHORS. Commander Jung hatte sich bereiterklärt, für McCloud die Adjutantin zu spielen, also begab sie sich zu dem Tisch mit ihren Kollegen. Auch sie hatten Computerterminals vor sich stehen und ein paar Getränke. Dabei handelte es sich um Tetrapacks. Als Natascha sich setzte, fiel ihr Blick auf eines der Tetrapacks. Eistee? Merkwürdige Wahl für die Jahreszeit, fand sie. Aber vermutlich besser als das Zeug, das Peltzer ihr immer versuchte vorzusetzen. Außerdem enthielt das Tetrapack vor ihr Eistee mit Limette – und sie mochte es sauer. Sie schraubte den Verschluss auf und stellte fest, dass die Öffnung mit einer Abdeckung versiegelt war. Die Abdeckung hatte einen Ring, mit dem man sie aufziehen konnte. Warum mussten die Sachen immer so kompliziert sein? Sie hakte mit dem Zeigefinger ihrer linken Hand in den Ring ein und hielt das Tetrapack mit der rechten fest. Dann zog sie. Es gab ein leises, knackendes Geräusch – und der Ring war kaputt. Die Abdeckung hatte sich nicht geöffnet.
„Ach komm! Echt jetzt?“, seufzte sie.
Sie sah sich auf dem Tisch um. Gab es hier irgendwas, das sie als Werkzeug nutzen konnte? Ja, auf dem Tisch lag auch ein Tablettcomputer, der mit einem Stift ausgestattet war, mit dem man auf der Oberfläche des Bildschirms schreiben konnte. Sie nahm den Stift und schob ihn hinter den zerbrochenen Ring. Tatsächlich gelang es ihr, die Abdeckung ein Stück aufzuhebeln, so dass sie die Reste des Rings mit zwei Fingern packen und ziehen konnte. Jetzt war die Abdeckung weg. Sie nahm sich ein Glas und fasste das Tetrapack mit beiden Händen. Ein trauriges Rinnsal kam aus der Öffnung, als sie den Behälter kippte, um sich etwas von dem Eistee einzuschenken. Sie kalt wie ihre Finger wurden, hatte sie auch eine Idee, woran das lag: Irgendjemand hatte den Eistee im Gefrierfach aufbewahrt und erst vor kurzem rausgeholt. Der Rest des Inhalts des Packs war ganz offensichtlich gefroren. Ein Schluck aus dem Glas bestätigte ihr das, die Flüssigkeit war im wahrsten Sinne des Wortes eiskalt. Aber es schmeckte. Immerhin. Nachdem sie dieses kleine Problem also gelöst hatte, konnte sie ihre Aufmerksamkeit ganz der Konferenz widmen.

Während Commander Jung mit den Tücken von eingefrorenen Kaltgetränken kämpfte, hatte sich Admiral McCloud an den großen Konferenztisch begeben. Er blickte sich um. „Ich danke ihnen, dass Sie alle gekommen sind“, begann er seine Rede, „und dass wir diese Konferenz doch relativ kurz einberufen konnten. Ich bin Admiral McCloud, mit mir hier am Tisch sitzen Admiral Jason und Admiral Donovan. Normalerweise sind wir sowas wie Abteilungsleiter, für die Leitung ist die Flottenadmiralität zuständig. Doch die sind nicht hier, und damit kommen wir zum Kern des Problems.“
Er betätigte eine Taste an dem Terminal vor sich, so dass auf allen Bildschirmen am Tisch das gleiche Bild erschien: die Flotte der Raumschiffe, die die Barrikade um das Sonnensystem bildeten.
„Lassen Sie mich Ihnen kurz den Zeitablauf nahebringen“, fuhr McCloud fort. „Ich werde dabei die Zeitrechnung nach Galaktischen Standard verwenden, lassen Sie sich bitte nicht verwirren. Nach den beunruhigenden Ereignissen des Jahres 3055 auf den Welten der Usovai’i – Sie mögen sich erinnern, der inzwischen abgewählte Prostat hatte eigenmächtig den Einsatz des Militärs befohlen -, den merkwürdigen Ereignissen in den Randgebieten und Angesichts der sich ausbreitenden Pandemie hat die Führungsebene von ASTROCOHORS beschlossen, einen Krisenstab auf der Raumstation PORT MANTEAU einzurichten. Dazu wurde die gesamte Führungsebene dorthin verlegt. Die Angelegenheit wurde als temporär betrachtet. Doch am 21. Dezember 3055 drang diese fremde Armada ins Sonnensystem ein. Sie besetzte alle Eingangspunkte in unser System und riegelte uns quasi vom Rest der Galaxis ab. Tatsächlich wurden nach und nach auch alle Kommunikationsmöglichkeiten gekappt. Wir haben also seit Monaten keine Verbindung mehr nach draußen.“

„Du blödes Ding, gib den Eistee her!“
McCloud drehte sich etwas verwirrt um. Am Tisch der Adjutanten hatte Natascha versucht, sich ein zweites Glas mit Eistee einzuschütten. Doch das Rinnsal, das herauskam, war noch kleiner als das vorige. Als sie bemerkte, dass sie im Fokus der Aufmerksam stand, lächelte sie etwas verlegen. „‚tschuldigung!“, murmelte sie. McCloud beschloss, einfach darüber hinweg zu gehen.

„Wie gesagt, wir haben keine Verbindung mehr nach draußen“, wiederholte er seinen letzten Satz. „Versuche von Raumschiffen, die Blockade zu durchbrechen, sind bisher in den meisten Fällen schlecht ausgegangen. Mehr noch: Wir mussten feststellen, dass die Eintrittspunkte in die Raumtunnel vermint wurden. Lediglich der Eintrittspunkt in der Nähe des Asteroidengürtels schein noch frei zu sein, aber hier hält sich ständig eine Schwadron feindlicher Raumschiffe auf, um jeden Versuch, diesen Punkt zu nutzen zu vereiteln. Das ganze geht also jetzt schon über ein Jahr. Wir haben keine Ahnung, was der Sinn dieser Blockade sein soll. Wir können nicht mit draußen kommunizieren. Aber es wird Zeit, dass wir etwas unternehmen. Zu diesem Zweck haben meine Kollegen und ich etwas ausgearbeitet. Wir bauen die Abteilung von ASTROCOHORS für das Sonnensystem um zu einer eigenen Raumflotte. Diese Flotte wird vorläufig nur innerhalb des Sonnensystems operieren und soll im Ernstfall auch der Verteidigung dienen. Immerhin müssen wir damit rechnen, dass diese Armada irgendwann die Planeten des Sonnensystems überfällt. Der Umbau der Flotte soll so schnell wie möglich geschehen und wir wollen ihr den Namen ASTROCOHORS SOLAR geben.“

McCloud sah sich nochmal unter den Delegierten der Planeten des Sonnensystems um. „Und darüber wollen wir mit Ihnen sprechen.“

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