Zusammenkommen ist ein Beginn

Bliep! „Was der Kollege gesagt hat, ist schon ganz richtig. Ich stimme ihm da durchaus in weiten Teilen zu, ich möchte allerdings – und wer möchte das nicht? – hier nochmal einhaken und ohne wenn und aber zum Ausdruck bringen, dass es Zeit wird, die Scheuklappen abzunehmen und auch mal links und rechts des Weges zu schauen, denn wie ich nicht müde werde zu sagen, nur wer den Geist offen hält, kann nicht ganz dicht sein. Ha ha. Kleiner Scherz. Worum es mir geht, ist die Sonderzone, die CITA NALUR umfasst…“

Nataschas Kopf fiel auf die Tischplatte. Nicht auch noch das! Sie waren doch schon so weit gekommen, mussten die jetzt auch noch CITA NALUR diskutieren? Die Sonderzone hatte keine direkten Berührungspunkte mit der neuen Agenda, also warum musste der Delegierte das ausgerechnet jetzt aufs Tablett bringen? Und dann auch noch mit so vielen, zum großen Teil überflüssigen Worten? Sie sah die Zeitanzeige auf ihrem Computer. 22.15 Uhr, so stand es da. Sechs Stunden. Sie diskutierten seit sechs Stunden! Commander Jung füllte sich ihr Glas nach. Der wievielte Eistee war das jetzt? Sie konnte es nicht sagen. Nur dass sie in der Zwischenzeit stündlich zweimal auf der Toilette gewesen war.

In dem Moment ging die Tür zum Konferenzraum leise auf. Natascha blickte auf und glaubte, nicht recht zu sehen. Ein Mann war leise hereingetreten. Die Teilnehmer der Konferenz ließen sich von ihm nicht stören, während er vorsichtig zu dem Tisch mit den Adjutanten herüberging. Natascha sah nochmal genau hin. Ja, der Mann erinnerte sie vom Aussehen her an ihren Exfreund. Offenbar hatte sie schon Halluzinationen von der ganzen Situation. Der Mann kam auf sie zu.
„Commander Jeff Holland“, sagte er zu ihr. „Wie geht es vorwärts?“
„Oh“, erwiderte sie, „Sie sind Jeff Holland. Der Admiral hat mir von Ihnen erzählt. Er hat gesagt, Sie würden noch dazu kommen. Wo waren Sie denn?“
„Der Admiral hat gesagt, ich soll den Tag nutzen oder genießen oder irgendwie sowas“, meine Jeff. „Ich fragte, ob ich hier als Adjutant an der Sitzung teilnehmen soll, er meinte, das würde die Kommandantin der ATLANTIS machen. Das sind ja dann wohl Sie, oder?“
„Live und in Farbe“, entgegnete Jung mit Sarkasmus in der Stimme. „Das beantwortet immer noch nicht meine Frage.“
„Ach so, wo ich war“, erinnerte sich Holland. „Ich habe den Tag in der Therme verbracht. Das war sehr angenehm.“
Natascha seufzte tief. „Das kann ich mir vorstellen“, sagte sie. „Hätte ich auch lieber gemacht.“
„Ja, und jetzt sind Sie dran.“
„Was?“ Jung sah ihn verwirrt an.
„Mit Fragen beantworten!“, erinnerte Jeff sie. „Ich wollte wissen, wie es vorwärts geht.“
„Eigentlich ganz gut“, sagte die Kommandantin. „Theoretisch steht der Gründung von ASTROCOHORS SOLAR nichts mehr im Weg. Nur jetzt, auf den letzten Metern, fangen die Delegierten nochmal an, über irgendwelche Kleinigkeiten zu diskutieren.“
„Was sind das denn für Kleinigkeiten?“
„Die Zusammenarbeit mit dem Konzern CUYEL, zum Beispiel.“

Jeff nickte. Er kannte die Problematik. Einige Abteilungen von ASTROCOHORS könnten ohne Cuyel nicht in der Form existieren. Die Kehrseite der Medaille war, dass Cuyel jederzeit die Zusammenarbeit würde beenden können.
„Ja, ich habe mitbekommen, dass die meisten Abteilungen vom ASTROCOHORS CLUB auf Cuyel angewiesen sind“, sagte er.
„So weit müssen Sie gar nicht gehen“, erwiderte Natascha. „Sie stehen quasi auf Areal, das Cuyel besitzt.“
„Wie?“
„Cuyel hat damals den Grund und Boden finanziert, auf dem die BASIS ATLANTIS gebaut wurde. Falls denen nicht mehr gefällt, was wir tun, sind wir – Entschuldigung! – am Arsch! Auch ein Großteil der laufenden Finanzierung geht über Cuyel. Das war ein harter Punkt in den Verhandlungen. Manche Delegierte würden tatsächlich gern aus dem Deal mit Cuyel aussteigen, aber das geht nicht so einfach.“
„Was ist mit Mhul, die organisieren doch auch einen Teil der Abteilungen.“
Natascha seufzte nochmals und sehr tief. „Das war vor ungefähr zwei Stunden ein harter Diskussionspunkt. Auf dem Niveau wie wir wären, müsste man da…“

Bliep!

Die Kommandantin riss die Augen auf. „Oh nein, nicht noch ein Wortbeitrag!“, sagte sie leise. Der kleine Ton, den man gehört hatte, gab ein Gerät von sich, mit denen sich die Delegierten zu Wort melden konnten. Also ging die Diskussion noch munter weiter.
„Jedenfalls, alles irgendwie blöd“, sagte sie schließlich zu Jeff. Noch immer fragte sie sich, ob sie ihn wohl auf die Ähnlichkeit ansprechen sollte, die er mit ihrem Exfreund hatte. Vielleicht waren sie ja verwandt. Nein! Sie wischte die Idee auf die Seite. Was sollte das bringen?

„Das war ein erfreulich kurzer Wortbeitrag“, hörte sie Admiral McCloud in dem Moment sagen. „Und wenn es keine Wortmeldungen mehr gibt…“

Commander Jung lauschte angestrengt und mit offenem Mund in den Raum. Doch da war… nichts! Kein Geräusch. Kein „Bliep“! Niemand, der nochmal den dringenden Wunsch verspürte, seine eigene Stimme zu hören, wie sie den Raum erfüllte und Worte formulierte, deren genauen Sinn sowieso niemand erfasste.

„Dann ist es beschlossen!“, erklärte McCloud. „Wir haben die Erklärung für die Gründung dieser solaren Raumflotte also hier und alle sind mit dem Inhalt einverstanden. Dann erkläre ich hiermit in meiner Eigenschaft als neuer Chief Admiral ASTROCOHORS SOLAR für offiziell gegründet. Als erste Amtshandlung werden wir die Raumbasen und Schiffe benachrichtigen, die im Sonnensystem unterwegs sind. Dann werden wir eine Bestandsaufnahme machen und uns neu aufstellen. Beschließen möchte ich diese Sitzung mit ein paar Worten, die angeblich Henry Ford gesagt haben soll: Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ein Erfolg.“

„Hört hört!“, sprachen die Delegierten durcheinander.
„Hört hört“, sagte Jeff Holland.
„Hört hört“, erwiderte Natascha Jung.
„Und was jetzt?“, fragte Jeff.
„Wenn das Catering gut gearbeitet hat“, antwortete Jung, „gibt es im großen Speiseraum noch einen Mitternachtssnack. Wie sieht’s aus, Commander, wollen wir uns auf Kosten der Flotte noch ein wenig den Bauch vollschlagen?“
„Hm. Wird das Essen von Cuyel oder Mhul finanziert?“
„Das ist mir so egal!“

„Commander Jung!“, rief Chief Admiral McCloud rüber. Sie ging an den Tisch, an dem schon geschäftiges Treiben war. Die Delegierten erhoben sich von den Sitzen und fingen an, miteinander zu reden.
„Was ist, Chief Admiral?“, fragte Natascha.
McCloud deutete auf das Transparent an der Wand, welches das stilisierte Sonnensystem zeigte. „Das ist ein hübsches Bild, aber die Flotte braucht jetzt etwas, das wir als Logo verwenden können“, sagte er. „Das hat aber keine Hauptpriorietät, so bei Gelegenheit können wir uns mal umsehen, wer das entwerfen könnte. Und jetzt lassen Sie uns zum Mitternachtssnack gehen. Ah, ich sehe, Sie haben Commander Holland schon kennengelernt?“
„Ja. Er kam dazu, als das meiste schon vorbei war.“
„Dann hat er ja alles richtig gemacht.“ McCloud lachte. Natascha lächelte freundlich. In Wahrheit hätte sie dem Chief Admiral am liebsten den Hals umgedreht.

Aber nein. Jetzt lieber essen.

Das Sonnensystem. Bild: Storyblocks
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