Alptraum
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Alptraum

Und ich laufe davon vor diesem Alptraum, ich dreh‘ mich um, doch da ist niemand zu sehen…

Tuesday Knight: „Nightmare“

Es war eine merkwürdige Szenerie. Die Skelette, die eben noch einen makabren Reigen getanzt hatten, stellten sich nun in einer Reihe auf. Und mit einem dunklen Unterton, wie nur tanzende Skelette ihn hinbekommen, war nun der vielstimmige Ruf zu hören: „Jack! Jack! Jack! Jack!“ Dan O’Neil fragte sich gerade, wer wohl dieser Jack sein sollte, als sich ein einzelnes Skelett aus der Reihe löste und sich pompös aufbaute.

„Jack heißt Euch willkommen, liebe Freunde und Verwandte!“, sagte das Skelett mit einem schmierigen Unterton. „Die Stunde schlägt für die, die uns in Finsternis verbannten!“ Moment, dachte Dan, sollte das ein Reim sein? „Dass sie endlich das bezahlen, wofür unsere Köpfe rollten – Und mein hüllenloser Geist sagt mir, dass sie gründlich büßen sollten!“ Doch, ganz eindeutig ein Reim. „Diese Nacht gehört den Schreckenskreaturen und wir stehlen – Von den Menschen, was uns zusteht, ihre Seelen!“ Dan kratzte sich am Kopf. Einen Moment! Nun wusste er, woher er das Gedicht kannte. Die Gruselskelette führten eine Show aus dem Europa-Park auf. Ja, genau, spielte da im Hintergrund nicht eine Pavane? Was war das alles? Dan war so in Gedanken versunken, dass er zuerst gar nicht merkte, wie die Skelette plötzlich näher kamen. Als er es bemerkte, war es fast zu spät, und dann…

Dan schreckte hoch. Du meine Güte! Er war auf dem Sofa seiner Wohnung eingeschlafen. Und was für einen Traum ihm sein kurzes Nickerchen beschert hatte. Er blickte auf die Uhr. Dann versuchte er, sich zu orientieren. Hatte er heute Nachtdienst? Der 39jährige Rettungsassistent dachte nach. Nein, stimmt, die vorige Nacht war die letzte gewesen. Jetzt hatte er zwei Tage frei.

Er stand auf. Was sollte ihm dieser Alptraum wohl sagen? Tanzende Skelette. Hm. Er sah sich um. Die Wohnung schien viel zu groß zu sein. Groß und leer. Zu groß für ihn allein. Wenn er sich nicht seit ein paar Monaten regelmäßig zum Tauchen treffen würde, wäre neben seiner Arbeit in seinem Leben nicht viel los. Erstaunlich, dass es so lange gedauert hatte, bis er dieses Hobby für sich entdeckt hatte. Obwohl, eigentlich war es Suomi zu verdanken. Es war ihre Idee gewesen und hatte eine Eigendynamik entwickelt.

Suomi hieß eigentlich Sari. Suomi wurde sie einfallsloserweise genannt, weil ihre Familie aus Finnland kam. Nicht der beste Spitzname. Aber okay. Sie kannten sich schon länger über den Job. Suomi hatte vorgeschlagen, dass die beiden doch gemeinsam in den Urlaub fahren könnten, weil sie beide Single seien, niemand wird eifersüchtig und ein Doppelzimmer ist nun mal billiger. Eindeutig richtig. So waren sie nach Ägypten geflogen und – obwohl das nicht geplant war – als Taucher zurückgekommen. Seither suchten sie nach Gelegenheiten, tauchen zu gehen. Und sie machten sogar weiter. Nicht wie ursprünglich geplant, einfache Urlaubstaucher. Mehr. Sie hatten angefangen, sich eine Ausrüstung zu kaufen.

Es war schon aufregend. Aber jetzt, da er sich in seiner Wohnung umsah, fühlte er wieder die bleierne Leere. Wie lange lebte er allein? Drei Jahre mussten es jetzt sein. Die gemeinsamen Unternehmungen mit Suomi lenkten ab, doch letztlich fühlte Dan, dass ein Stück von seinem Leben fehlte. Als hätte man es herausgeschnitten wie ein Stück Kuchen.

Dan setzte sich an den Tisch in seinem Wohnzimmer und baute seinen Laptop-Computer auf. Er hatte da eine eMail bekommen, der Initiator des Phantastischen Projekts hatte sich gemeldet. Sie hatten sich erst vor kurzem auf einem Klassentreffen wieder getroffen und eMail-Adressen ausgetauscht. Der Initiator wollte das Projekt wieder aufleben lassen. Das wäre womöglich eine spannende Angelegenheit. Raus aus dem Trott. Noch mehr Abenteuer. Der Initiator hatte ihm geschrieben, dass er ein Hauptquartier gefunden habe, direkt beim HEXAPHYRON. Dan wunderte sich, dass die Obrigkeiten der Raumflotte das zuließen, aber dann wiederum: Warum auch nicht? Das Hauptquartier wäre nicht zu weit von seiner Arbeitsstelle weg, ein Umzug käme für ihn damit sogar in Frage.

Dan setzte sich hin und beantwortete die Mail. Er bekundete sein Interesse und wollte sein neues Hobby mit einfließen lassen. Und dann war da noch dieses neue Dings, das soziale Netzwerk… Facebook oder so. Vielleicht wäre das ein einfacherer Weg, in Kontakt zu bleiben. Aber jetzt wollte er erstmal Videos veröffentlichen. Abenteuer erleben. Dinge tun. Vielleicht blieben dann auch die Alpträume aus.

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