Kein Geist der Weihnacht
Kein Geist der Weihnacht

Kein Geist der Weihnacht

Jeder, der den Mann sah, würde sich an ihn erinnern. Er war einer jener Männer, die neutral betrachtet drei Eigenschaften vereinten, eine gewisse körperliche Erscheinung, das Ausstrahlen von Ruhe und Selbstsicherheit und eine gewisse Anziehungskraft, die ein britischer Autor von Spionageromanen in den frühen 1960er Jahren gewisslich als „animalisch“ beschrieben hätte. Manche sagten auch „Charisma“ dazu. Nur durfte man nicht dem Irrtum verfallen, dass jemand, der diese drei – oder auch nur eine der drei – Eigenschaften sein Eigen nannte, damit automatisch eine sympathische oder gar gutherzige Person war. Im Gegenteil, die schlimmsten Personen der galaktischen Geschichte und der Geschichte des Sonnensystems vereinten diese Eigenschaften auf sich. Bei dem Mann war es nicht anders. Er übte eine gewisse Anziehungskraft aus und war auch ständig in den Medien präsent, denn er war reich. Sein Charakter jedoch war arm. Würde man Wohlstand in Charakter messen, so wäre es für den Mann noch zu luxuriös gewesen, unter der Brücke oder auf der Straße zu leben, wahrscheinlich hätte er sich in die Kanalisation zurückziehen müssen. Das Bild passt ganz gut, denn in der echten Welt fischte der Mann auch gerne in der Kloake, wenn es ihm nur zum Vorteil gereichte.

Der Name des Mannes war Er’odltag Mut’uar. Man sah es ihm nicht an, aber er war 51 Jahre vor den Ereignissen, von denen wir hier berichten wollen – oder besser gesagt, müssen – auf dem Mars geboren. Seine Mutter war Taaya Nokaor, eine Schauspielerin mit terranischen Wurzeln, die den Mars-Industriellen Vituus Mut’uar geheiratet hatte. Letzterer war ebenfalls terranisch-stämmig, was ihm eine besondere Rolle auf dem Mars verschaffte. Umso mehr, da er dadurch zur rechten Zeit am rechten Ort war, um sich in ein lukratives Geschäft einzukaufen, was ihm und seiner Familie einen gewissen Reichtum verschaffte. Sein Sohn besuchte die besten Schulen auf unterschiedlichen Planeten des Sonnensystems, bevor er schließlich auf dem Uranus landete. Der genaue Werdegang ist etwas unklar, da Er’odltag Mut’uar einen großen Aufwand betrieb, die Klarheit aus seiner Lebensgeschichte herauszuhalten, zumindest was die Außenwelt betraf. Lediglich auf seine Herkunft, den Mars, bildete er sich sehr viel ein, auch wenn das merkwürdig schien. Der Mars war eine unterdrückte Welt, und die Unterdrücker, das waren Leute wie Er’odltags Eltern. Kolonisten, keine Ureinwohner. Das war auch deutlich zu sehen, sowohl die Eltern als auch Er’odltag selber hatten den rosigen Hautton, den nur eine bestimmte Gruppe Terraner auf der Erde hatte. Die rostroten, sonnengewohnten Wüstenbewohner des Mars, die waren von den Kolonisten unterdrückt und ausgebeutet worden. Insofern war es eigentlich ein Witz, das Er’odltag sich als „stolzer Marsianer“ bezeichnete, wenn das genehm war.

Wie genau Er’odltags Werdegang war, wie genau er sich seine Fähigkeiten erwarb oder ob einiges davon Naturtalent war, ließ sich ebenfalls nicht eruieren. Er machte gerne ein Gewese darum, wenn er mit irgendetwas glänzen konnte und tat so, als sei er der Prinz des Universums, der gekommen sei, um alle zu regieren. Aber ein Talent musst er haben, denn er war schon früh zu einer interessanten Schlussfolgerung gekommen: der Zusammenbruch der galaktischen Feindschaft und die neue Ära, die begann, als er gerade mal Anfang zwanzig war, würde dazu führen, dass auch die Planeten des Sonnensystems näher zusammenrücken. Also traf er eine rasiermesserscharf abgewogene Entscheidung: Er würde sich auf das Sonnensystem konzentrieren. Er sah, dass viele Konzerne sich der Versuchung hingaben, möglichst weit in die Galaxis zu expandieren. Genau das würde er nicht tun. Erst, wenn ihm das Sonnensystem nichts mehr bieten würde. Des weiteren hatte er erkannt, dass in einem zusammenrückenden Sonnensystem schnelle und genaue Kommunikation der Schlüssel zur Macht war. Er war der Meinung, dass hinter jeder richtigen Entscheidung in der Geschichte der Planeten die Fähigkeit gelegen hatte, etwas vor allen anderen zu wissen, und dass dies auch die Quelle jeder großen Reputation war. Genau mit dieser Ansicht – und mit dem familiären Vermögen im Hintergrund – ging er hinaus in die Welten und schaffte es tatsächlich. Dabei gab es allerdings eine dunkle Seite, die Er’odltag Mut’uar nicht gerne preisgab. Ja, er verschaffte sich Informationen vor allen anderen. Aber diese Informationen waren manchmal auch von ihm fabriziert. Er erschlich sich Kredite bei unterschiedlichen Banken, indem er beide gegeneinander ausspielte, setzte Gerüchte in die Welt, um den Kaufpreis einer Firma in die Höhe zu treiben und schaffte vor allen Dingen eins: Sich ins Gespräch zu bringen. Im Verlauf der Zeit wurden die Transaktionen immer größer und das Vermögen von Mut’uar immer mehr.

Endlich schien der Moment gekommen zu sein, den über Jahrzehnte vorbereiteten Schritt zu gehen: In andere Systeme zu expandieren. Doch da kam ihm die Kristallsphäre dazwischen, die das Sonnensystem vom Rest der Galaxis abkoppelte. Nichtsdestotrotz wollte er das Ziel nicht aufgeben, hatte er doch erst einen Konzern gekauft, der im Bereich der Luft- und Raumfahrt forschte. Als er den Kampf sah, den die Raumflotte ASTROCOHORS im System auszutragen hatte, kam ihm eine Idee, die aber denjenigen, die es sehen wollten, offenbarte, was für ein Windbeutel er eigentlich war. Groß verkündete er, seine Ingenieure würden fieberhaft an einem Raumschiff forschen, das mit einer neuen Technik die Lichtmauer überwinden würde können, so dass man wieder die Verbindung zu anderen Sternsystemen aufnehmen könnte. Tatsächlich forschten die Ingenieure an einer solchen Möglichkeit, aber ein mögliches Resultat lag noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte in der Zukunft. Das konnte er gut, hohe Ziele ausgeben und andere dafür verantwortlich machen, wenn diese Ziele nicht erreicht wurden. Ein weiteres Ziel von ihm war es, die Raumflotte überflüssig zu machen. Warum sollte eine gemeinnützige Organisation dieses Geschäft übernehmen, wenn man doch eigentlich damit fette Gewinne einfahren könnte? Er verkündete, für das Sonnensystem die Organisation „Star Raiders“ zu gründen und mit Material und Möglichkeiten auszustatten. Das wurde mit Skepsis aufgenommen.

An diesem Abend saß Mut’uar in seinem großen Kontrollraum auf Uranus. Bildschirme um ihn herum. Und Bedienstete, die im Hintergrund warteten, irgendetwas tun zu können. Auf den Bildschirmen liefen Livestreams, die aktuelle Ereignisse zeigten. Auf einigen waren Personen zu sehen, die Mut’uar zu einer Videokonferenz eingeladen hatte. Er sah in viele Augen von unterschiedlichen Planeten. Mut’uars Augen waren dunkel und, genau wie die von Mussolini, vollkommen von weiß umgeben. Der puppenhafte Effekt dieser ungewöhnlichen Symmetrie wurde von langen seidigen Wimpern verstärkt. Der Blick dieser seltsamen Puppenaugen war entspannt, die Haut unter ihnen beinahe makellos. In dem großen, ausdruckslosen Gesicht unter dem braunen Kurzhaarschnitt gab es keinen Hinweis auf Ausschweifungen, Krankheiten oder Alter. Das gebieterische Kinn verriet Entschlusskraft und Unabhängigkeit. Sein Körper hingegen war nicht mehr so drahtig, wie er es früher gewesen war. Doch die merkwürdige Kleidung, die er trug, konnte das gut verbergen. Sie bestand aus rotem, samtigen Stoff und hatte goldene Schulterteile aus Metall. Genauso golden war der breite Gürtel, den er trug. Auch der runde Ausschnitt des Oberteils war von einem goldenen Metallring eingefasst. Seine Gestalt wirkte daher sehr wuchtig. Nichts an Mut’uar war klein.

Bei den Personen auf den Bildschirmen handelte es sich um Geschäftspartner. Sie waren es gewohnt zu warten und wussten, dass sie erst an der Reihe waren, nachdem der Boss gesprochen hatte. Und er sprach mit seiner gewohnt ruhigen Stimme. „Mir liegt ein Bericht über die große Sache, den Plan Omega vor, über den ich die Mitglieder informieren möchte.“
Mut’uar hielt sich niemals mit Einleitungen wie „Werte Kollegen“, „liebe Freunde“ oder dergleichen auf. Das war für ihn Firlefanz. Seine Kleidung und sein äußeres mochten das Bild von Großartigkeit transportieren, seine Art, Geschäfte abzuwickeln, war schlicht effektiv.
„Wir können das Kommunikationssystem TANGI erhalten“, fuhr er fort, „allerdings leider zu einem höheren Preis, als ich gedacht habe.“ Zum ersten Mal in seinem Leben, so schien es, war seine Strategie nicht aufgegangen. Seine Informationen, die den Preis eigentlich hätten drücken sollen, haben nicht zum gewünschten Erfolg geführt. „Ich hoffe, Sie alle gehen trotzdem mit“, erklärte er, „denn nur so erreichen wir unser Ziel. Wer etwas dagegen hat, soll jetzt sprechen.“

Der Moment wirkte feierlicher, als er war. Es war keine traditionelle amerikanische Hochzeit, sondern eine feindliche Übernahme, die hier beschlossen wurde. Niemand sprach. Für Mut’uar war das Signal klar. „Ich habe es nicht anders erwartet“, erklärte er. „Moral und Anstand sind mir egal, aber Schwäche ist die Totenuhr unserer Gesamtstruktur. Also ist es beschlossen. Wir übernehmen das Kommunikationssystem und knüpfen Kontakte mit unseren potentiellen Kunden. Der ehemalige Prätor Scurra wird sicherlich interessiert sein, wie auch den Anführer von Anarthia. Oder vielleicht lassen die vereinigten Planeten was springen, um dem armen Ruvalara zu Hilfe zu eilen. Mal sehen. Wir werden TANGI übernehmen und uns den Preis von den Regierungen des Sonnensystems zurückzahlen lassen. Einverstanden?“
Mit stummen Gesten gaben die Gesichter auf den Monitoren ihr Einverständnis. Und so formlos wie sie begonnen hatte, endete die Besprechung. Mut’uar machte sich gleich daran, die nächsten Schritte zu planen. Er wusste, dass die Zeit günstig war. Der Krieg zwischen Anarthia und Ruvalara lenkte ab, genauso wie der Wunsch der Bewohner des Sonnensystems, einen ruhigen Jahreswechsel hinter sich zu bringen. Alles das war ihm gleich. Es war keine Plattitüde, als er gesagte hatte, dass ihm Moral und Anstand egal seien. Er wollte seinen Reichtum mehren und dabei gut aussehen. Er wusste, dass er unter den Bewohnern des Systems genügend Fans hatte. Lebewesen, die zu ihm aufsahen. Wenn er daran dachte, fühlte er sich mächtig. Eigentlich war er das ja auch, aber der Umstand, dass er sich durch solche Aktionen daran erinnern musste, zeigte, wie ohnmächtig er in Wahrheit war. Denn seine Macht war nach außen gerichtet, oberflächlich und spröde. Nach innen, dort wo Moral und Anstand sein sollten, war bei ihm nichts. Deswegen fühlte er sich leer, doch er wusste nicht warum. Wenn er nur geahnt hätte, dass sich die Lösung quasi vor seiner Nase befand.

Er tippte auf einer Tastatur herum. Die Transaktionen, die damit angestoßen wurden, waren in der Lage, jeden einzelnen Planeten des Sonnensystems ins Wanken zu bringen. Und Mut’uar fühlte dabei…

…nichts.

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