Aus den Untiefen des Archivs
Aus den Untiefen des Archivs

Aus den Untiefen des Archivs

Zach Urity betrat das kleine Büro, das mit Schränken, Ordnern und anderen Sachen vollgestopft war, mit langsamen Schritten. Es war, als zweifelte er an seiner Gangart. Den Kopf hatte er gesenkt, aber nicht aus Demut, wie Max Tronic schnell feststellen musste, sondern weil er etwas betrachtete, das er in den Händen hielt. Von seinem Schreibtisch aus hielt Max es für ein Stück Papier, doch dann dämmerte es ihm: es handelte sich um ein Foto.

„So in Gedanken?“, sprach Max den Hereinkommenden an.
„Was? Ach so, ja“, stotterte Zach. Er trat an den Schreibtisch heran und reichte das Foto weiter. „Schau mal, das habe ich beim Sortieren des Archivs gefunden.“

Bild: Thorsten Reimnitz

Max betrachtete das Bild. Es war alt, das war eindeutig an der Farbgebung zu sehen. Alte Bilder hatten sowas an sich. Man konnte sie ungefähr der Epoche zuordnen, in der sie entstanden waren. Das war 1970er oder frühe 1980er. Das Bild zeigte einen etwa neun oder zehn Jahre alten Jungen, der auf einem Weg im Wald stand. Der Junge trug einen Parka und blaue Jeans. Der Wald sah herbstlich aus. Mit dem Bild gab es allerdings ein Problem: Es war verwackelt. Man konnte das Gesicht des Jungen nicht genau erkennen.
„Du hast doch so ein gutes Gedächtnis und kennst Dich aus“, sagte Zach. „Was meinst Du, wo das gemacht wurde?“
Max prustete los. „Was bitte? Hältst Du mich für Sherlock Holmes? Das Bild ist Jahrzehnte alt und es zeigt irgendeinen Wald. Was soll ich daraus denn erkennen?“ Er drehte das Bild um. Wie es damals üblich war, hatte das Fotostudio, welches das Bild entwickelt hatte, einen Zahlencode auf die Rückseite des Bildes gedruckt. Ein Teil davon war eine Jahreszahl: 1980. „Über vierzig Jahre alt, um genau zu sein“, ergänzte Max.
„Versuch’s doch trotzdem mal.“
Max seufzte. „Hm“, brummte er und fuhr fort: „Also 1980. Würde passen. Der Junge trägt einen Parka, wie er damals Standard bei der Raumflotte war. Das bedeutet, seine Familie gehörte zum Personal einer der geheimen Basen, als die Organisation noch STAR COMMAND hieß.“
„Der Junge trägt eine Uniform?“, unterbrach ihn Zach. „Aber er kann doch nicht zum Personal gehören.“
„Das nicht“, entgegnete Max. „Aber Angehörige von Raumflottenpersonal haben damals solche Jacken bekommen. Es gab auch extra Kinderversionen davon, wie man hier sieht. Das sollte den Zusammenhalt stärken und ein Ausgleich für all die Heimlichtuerei sein. Das war gerade für die Kinder nicht immer einfach. Jemand aus der Familie des Jungen gehörte damals also zur Flotte.“
„Was sagt Dir die Umgebung?“
„Das ist ein Wald, mit Bäumen und so, was erwartest… oh Moment.“ Er unterbrach sich selbst und tippte an seinen Visor. „Ich muss gerade mal was verifizieren.“ Max rief Daten ab, die vor seinen Augen in den Visor projiziert wurden. Nach kurzer Zeit sagte er: „Ja, ich hab es!“
„Und was?“
„Das ist im Wald entstanden, der den Perimeter um den Haupthangar der BASIS ATLANTIS bildet. Passt alles zusammen.“
Zach pfiff durch die Zähne. „Und wie bist Du darauf gekommen?“
„Zwingende Logik und Ausschlussverfahren“, antwortete Max. „Das ist kein Tropenwald, also fallen alle Basen heraus, die es damals noch in tropischen Ländern wie Brasilien gab. Es sieht auch nicht nach Japan oder Asien aus. Scheint Europäisch zu sein. Es gibt aber nur eine europäische Basis, die sich bei einem Wald befand, in dem man als Angehöriger der Flotte gefahrlos spazieren gehen konnte: die ATLANTIS. Wo genau hast Du das Bild her?“
„Da sind ein paar Kisten im Archiv, die zwar eingelagert, aber nie sortiert wurden“, erklärte Zach. „Ich versuche, etwas mehr herauszubekommen. Aber irgendwas ist mit diesem Jungen. Fast so, als ob ich Ihn kennen würde.“
„Bist Du da sicher?“ Max klang sehr zweifelnd. „Bedenke, dieser Junge ist mittlerweile vierzig Jahre älter. Du kannst in diesem Kind kein erwachsenes Gesicht wiedererkennen. Mal ganz davon abgesehen, dass das Bild verwackelt ist.“
Zach zuckte mit den Achseln. „Und wenn schon. Ich schau die Kartons mal weiter durch, vielleicht finde ich noch einen Hinweis darauf, von wem sie kommen.“

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