Gleich und gleich gesellt sich gern
Gleich und gleich gesellt sich gern

Gleich und gleich gesellt sich gern

Max Tronic blickte schon nicht mal mehr auf. Nicht nur hatte er Zach Urity an seinem Schritt erkannt, als selbiger das Büro betrat, er hatte an der Art des Schrittes sogar erkannt, was er wollte. Er war also mal wieder im Archiv gewesen und hatte rumgekramt. Vermutlich hielt er ein Bild in den Händen. Mal wieder. Gleich würde er triumphierend erklären, dass er etwas gefunden hätte. Etwas tolles. Oder so. Was würde es wohl sein? Wollte Max das wirklich wissen? Hörte er dem Freund nur zu, weil sie Freunde waren? Hätte er nicht etwas besseres zu tun?

„Ha!“, machte Zach.
„Lass mich raten“, sagte Max und würdigte Zach weiterhin keines Blickes, „Du hast wieder etwas im Archiv gefunden.“
„Ja, und was ich gefunden habe, wird Dich überraschen!“
„Och nö, so platt?“

Max schüttelte den Kopf. Zach klang wie eine von diesen Schlagzeilen im Internet, die die Leute dazu bringen sollte, darauf zu klicken. Es war fast schon ein Klischee: „Dies und das wird Dich überraschen!“ Es war nicht sonderlich einfallsreich.

„Wenn’s aber doch so ist! Schau es Dir mal an.“
Nun drehte sich Max um und sah – natürlich ein Bild.

Bild: Thorsten Reimnitz

Das Bild war diesmal nicht verwackelt und nicht aus der Ferne aufgenommen. Es zeigte sehr deutlich und prominent einen Jungen, der ungefähr zehn Jahre alt sein durfte. Die Farbpalette ließ darauf schließen, dass das Bild vor ähnlich langer Zeit aufgenommen wurde, wie die anderen. Der Junge trug den Einsatzparka, der schon auf dem ersten Bild zu sehen war. Mit der rechten Hand griff er an die linke Brusttasche des Parkas, wo man irgendetwas rotes sehen konnte. Der Gesichtsausdruck des Jungen war ziemlich ernst. Max konzentrierte sich auf das Gesicht. Konnte es sein…

„Kommt Dir das Gesicht bekannt vor?“, wollte Zach in dem Moment wissen.
„Ganz entfernt ja. Aber wenn das, was ich vermute stimmt, würde es vom Alter passen.“
„Du denkst also das Gleiche wie ich?“
„Das kommt darauf an, was Du denkst.“
„Komm, das ist doch eindeutig einer von unseren Fünflingen! Als Junge, okay, aber es ist entweder Jack, Melville, Mac oder Dan!“
„Ich würde Dich gern zustimmen und habe das gleiche Gefühl, aber das passt nicht von der Logik her“, bedauerte Max.
„Was? Was meinst Du damit?“
„Wenn das der Junge von den anderen Bildern ist – davon müssen wir ausgehen – kann es keiner von den fünfen sein. Er trägt einen Einsatzparka der Raumflotte und… zumindest auf den letzten Bildern befand er sich auf der BASIS ATLANTIS. Unsere… ‚Fünflinge‘, wie Du sie nennst, sind aber späte Rekruten. Sie sind erst… was… fünf, sechs, sieben oder so Jahre später zu uns gekommen.“
„Verdammt! Du hast recht!“
„Hab ich immer.“

Zach ließ sich enttäuscht auf einen Hocker fallen. „Ich hatte gedacht, ich wäre endlich ein Stück weitergekommen. Aber das würde erklären, warum sich die Kartons mit diesen Bildern im Archiv befinden. Es sind einfach die Bilder, die von Angehörigen der Raumflotte gemacht wurden.“
„Warte mal, ich habe eine Idee“, sagte Max da. Er nahm Zach das Bild ab und hielt es sich vors Gesicht. Man konnte sehen, dass sich die LEDs seines Visors änderten.
„Was machts Du?“, wollte Zach wissen.
„Ich scanne das Bild ein“, antwortete Max, „mit Hilfe meines Visors. Dann lasse ich ein Alterungsprogramm drüber laufen. Mal sehen, was rauskommt.“
Er nahm einen Tablettcomputer von seinem Schreibtisch. Dann tippte er an seinen Visor. Das Tablett gab ein kurzes, piependes Geräusch von sich. Das Bild war angekommen.
„Das gibt’s doch nicht!“, entfuhr es Max.
„Was?“

Max zeigte Zach, was da auf dem Bildschirm zu sehen war: Ein alterssimuliertes Bild des Jungen, hochgesetzt auf irgendwas zwischen zwanzig und dreißig Jahren. Es sah eigenartig aus, ein wenig fremd, nichtsdestotrotz war es eindeutig: Zach hatte mit seiner Vermutung richtig gelegen. Wenn die Simulation stimmte, zeigte das Photo einen der Freunde der beiden, als er ungefähr zehn Jahre alt war.

„Das ist UN-MÖG-LICH!“, wiederholte Max seine Einschätzung.
„Was ist aber, wenn doch?“, wollte Zach wissen.
„Die Logik gebietet zwei Möglichkeiten. Nummer eins: Einer von unseren Freunden hat nicht die Wahrheit gesagt, seine Familie lebte vorher schon hier.“
„Und Nummer zwei?“
„Nummer zwei… es gibt noch einen.“
Zach sprang auf. „Weißt Du, was Du da sagst?“, brauste er auf. „Es ist doch sowieso alles so seltsam. Jedes Mal, wenn man die fünf drauf anspricht, wehren sie ab. Sie seien keine Geschwister, schon keine Fünflinge. Aber sie sehen sich doch so ähnlich wie ein Ei dem anderen. Ich meine, wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert?“
„Nun, Doppelgänger gibt es, das ist klar“, erklärte Max. „Angeblich hat jeder von uns sieben Ebenbilder, die irgendwo auf diesem Planeten herumlaufen. Tatsächlich ist die Kombinationsmöglichkeit unserer Gene zwar sehr groß, aber nicht unendlich. Und je nachdem, wo man nachliest, heißt es, die Wahrscheinlichkeit, einem Doppelgänger zu begegnen sei eins zu einer Milliarde oder noch geringer. Aber fünf oder sechs davon?“
„Professor Hoaxley hat sie zu ASTROCOHORS gebracht“, grübelte Zach. „Der hat doch bestimmt auch was gemerkt.“
„Dem stimme ich zu. Ich rufe mal die Profile unserer Freunde ab.“

Max bewegte den Kopf. Das tat er immer, wenn er mit dem Display seines Visors arbeitete. Wahrscheinlich machte er irgendwelche Eingaben.
„Holla!“, sagte er auf einmal. „Holla die Waldfee!“
„Was?“
„Das ist mir noch nie aufgefallen… aber andererseits… ich habe noch nie alle ihre Profile aufrufen wollen…“
„Was? Mach’s nicht so spannend!“
„Ich kann die Profile nicht gesammelt aufrufen. Sie sind gesperrt. Es geht nur einzeln. Und natürlich sind die Hinweise auf Geburtsort und Eltern nicht abrufbar.“
„Was erstmal nichts heißt. Das könnte auch bedeuten, sie wollen nicht, dass da jeder rumnasen kann. Ich habe in meinem Profil der Raumflotte auch nicht jede einzelne Angabe freigeschaltet, damit Schütze Armleuchter sie abrufen kann.“
„Aber in dem Zusammenhang“, warf Max ein, „ist das schon seltsam. Wir fassen zusammen: Wir haben fünf Freunde…“
„Wir sind die fünf Freunde“, trällerte Zach und unterbrach Max, „Jeff und Mac, Jack und Dan und Melville, wir sind die besten Freunde, ja!“

Der Visor, den Max trug, machte es unmöglich, seine Augenpartie zu sehen. Aber die Mimik von Nase und Mund sprach Bände. „Was soll das denn sein?“, fragte er entsetzt.
„Was?“, meinte Zach. „Sag bloß, Du kennst die ‚Fünf Freunde‘ nicht? Von Enid Blyton? Die Romanreihe? Hörspielreihe? Fernsehserie? Kinofilm? Britisch und bis über beide Ohren Klischeebeladen?“
„Ich habe davon gehört“, gab Max zu, „aber das Lied war mir nicht vertraut. Darf ich weitermachen?“
„Oh, bitte.“

„Also, unsere fünf Freunde sehen sich ähnlich bis aufs Haar, könnten Fünflinge sein, reagieren aber etwas gereizt, wenn man sie darauf anspricht. Und jetzt gibt es dieses Bild, das andeutet, es könnte einen sechsten geben. Tja, Du wolltest doch ein Rätsel lösen, nicht wahr? Ich glaube, es ist soeben noch etwas größer geworden.“
„Warte mal, mir fällt etwas ein!“ Zach drehte das Bild um und hielt es hoch. Er versuchte, etwas zu erkennen. „Da ist ein Schriftzug“, sagte er. „Jemand hat etwas mit einem Stift auf die Rückseite des Bildes geschrieben, aber ich kann es nicht komplett entziffern. Das ist ein ‚D‘, dann ein ‚O’… der Rest ist zu verblasst.“
„Nicht für mich und meinen Visor!“, behauptete Max und nahm das Bild. Er hielt die Rückseite vor seinen Visor. „Mit der Scannereinheit meines Visors kann ich die Unebenheiten im Papier sichtbar machen“, erklärte er dann. „Immer, wenn man auf Papier schreibt, hinterlässt man nämlich nicht nur Tinte, sondern der Stift hinterlässt auch einen Abdruck. Und da ist es auch schon.“ Laut fügte er hinzu: „D-O-R-A-K! DORAK!“
„Hm, nie gehört.“
„Warte, ich habe hier einen Jarmo Dorak, der gehört zum ASTROCOHORS CLUB und… ich werd‘ nicht mehr!“
Max tippte an seinen Visor. Das Bild wurde auf den Tablettcomputer übertragen. Und für ungefähr eine Minute war Zach sprachlos.

Bild: Thorsten Reimnitz

Es war ein Artikel einer internen Onlinepublikation der Flotte. Es wurde davon berichtet, dass Jarmo Dorak auf der Suche nach dem Tempel der Windharfe schon weitergekommen sei und man bald mit seinem Erfolg rechne. Das Bild neben dem Artikel zeigte einen Mann, der wiederum den fünf Freunden von Max und Zach aufs Haar glich. Er trug eine schwere Einsatzjacke, wie sie vor ein paar Jahren bei ASTROCOHORS Verwendung fand, blau mit schwarzen Schulterteilen und schwarzen Ärmeln.

„Schön, dass wir das rausgefunden haben“, sagte Max mit Sarkasmus in der Stimme. „Aber was tun wir jetzt?“
„Du weißt doch, wie die Fünf reagieren, wenn man sie darauf anspricht.“
„Ja. Und das lässt mich vermuten, dass da mehr dahinter steckt.“
„Du bist doch immer so logisch unterwegs“, stellte Zach fest. „Welche Hypothesen gibt es, was dahinter stecken könnte?“
„Hauptsächlich zwei“, führte Max aus. „Nummer eins: Sie wissen natürlich, dass sie sich gleichen wie ein Ei dem anderen, deswegen haben sie sich auch zusammengefunden und müssen irgendwas geheim halten. Nummer zwei: Sie wissen es nicht, erkennen sich auch nicht und es steckt irgendwas anderes dahinter. Ein sehr dunkles Geheimnis.“
„Wieso muss es dann zwangsläufig ein dunkles Geheimnis sein?“
„Überleg doch mal: Warum sollte jemand wollen, dass sie sich gegenseitig nicht erkennen? Doch nur jemand, der etwas zu verbergen hat. Aber egal wie, in beiden Fällen stellt sich die Frage, welches Geheimnis steckt hinter ihrer… Entstehung, wenn man so will.“
„Was tun wir jetzt?“
„Auf jeden Fall nichts unüberlegtes!“, meinte Max. „Ich habe gehört, in der ATLANTIS gibt es einen neuen Arzt, vielleicht kann ich den mal auf sie ansetzen. Bis dahin sollten wir unsere Erkenntnisse für uns behalten.“

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