Niemals
Niemals

Niemals

Mir ist klar, dass da niemals etwas sein wird, weil da niemals etwas war.

Farin Urlaub: „Niemals“

War es seine Einbildung, oder fanden die Weihnachtsfeiern jedes Jahr immer früher statt? Dan O’Neil war sich nicht sicher. Vielleicht lag es auch daran, dass er generell schlecht drauf war. Da nervt einen halt alles. Er atmete tief durch und versuchte, mit beiden Händen nach seiner Fassung zu greifen. Der logische Verstand. Das, was ihm in der täglichen Arbeit im Rettungsdienst gute Arbeit leistete. Wo war es jetzt? Warum konnte er mit der Situation nicht einfach so umgehen? Eine Stimme meldete sich in seinem Hinterkopf. Keine Sorge, sagte die Stimme, Ablenkung tut gut! Und die Weihnachtsfeier wird die richtige Ablenkung sein. Lass‘ Dich einfach drauf ein! Wird alles gut! Kein Problem!

Doch da meldete sich die andere Stimme. Schrill wie eine Kreissäge. Und die Kreissäge schrie: Neinneinneinneinneinneinnein… Nichts wird gut. Zumindest nicht heute. Morgen auch nicht. Und übermorgen nicht. Irgendwann vielleicht. Erneut atmete er durch und betrat die Rettungswache. Wie es üblich war zur Weihnachtsfeier, waren die Fahrzeuge aus der Garage gefahren worden. Die Garage war in einen Festraum verwandelt worden. Kolleginnen und Kollegen hatten sich richtig Mühe gegeben. Auch mit den Lichtern. Unter anderen Umständen hätte das eine richtig festliche Stimmung verbreitet. Tatsächlich tat es das auch wohl für jeden anderen. Nicht für Dan. Ein paar Kollegen saßen schon an den extra herbeigeschafften Tischen. Er grüßte höflich und setzte sich irgendwohin.
„Du machst ja ’n Gesicht“, sagte die Kollegin, die ihm gegenüber saß. „Lächeln!“, fügte sie hinzu und wie um ihm zu zeigen, wie Lächeln geht, grinste sie von einem Ohr zum andern. Dan brummte eine unverständliche Antwort. Seine Gedanken wanderten davon. Vor seinem geistigen Auge sah er einen Brunnen, an dem er bestimmt schon hunderte Male vorbeigegangen war. Ein Ensemble mit großen Figuren, die alle in dem runden Becken standen. Manche von ihnen hielten Füllhörner in der Hand, aus denen das Wasser strömte. Im Winter, wenn es kalt genug war, fror der Brunnen ein, wenn die Gemeinde mal wieder vergessen hatte, das Wasser rechtzeitig genug abzuschalten. Das hatte er selbst auch schon ein paar Mal gesehen. Er hatte das Bild vor Augen von einer der Brunnenstatuen, die in eine dicke Eisschicht eingefroren war. So kam er sich vor. Gefangen in einem dicken Eispanzer, isoliert von der Welt, bewegungsunfähig.

Dabei hatte es doch so vielversprechend angefangen. Nach all dem Auf und Ab, das sein Leben war, hatte er einen Fokus gefunden, der nicht der Rettungsdienst war. Er wusste selbst, dass er jahrelang ungesund gelebt hatte, was seine Psyche betraf. In den frühen Tagen bei der Rettung konnte er nicht genug kriegen. Das Adrenalin. Ja, das war es vermutlich. Das war eine Form des Adrenalins, die ihm keinen negativen Stress verursachte. Aber wer zu viel von etwas nahm, lief Gefahr, auszubrennen. Lange Zeit war da aber nichts. Ein Privatleben aufzubauen, eine Beziehung oder gar Familie, das hatte sich nicht ergeben. Doch dann kam der Urlaub in Ägypten und der Umstand, dass er und Sari das Hobby des Tauchens für sich entdeckten. Nun gab es etwas völlig anderes in der Freizeit. Etwas, mit dem man sich von der Arbeit ablenken konnte. Das einen wirklichen Ausgleich brachte. Dass ihm das guttat, merkte er an sich selbst. Er fühlte sich wirklich ausgeglichener als früher.

Und dann hatte er diese neue Kollegin kennengelernt. Neue ehrenamtliche Kräfte waren in diesen Tagen im Rettungsdienst selten, meistens waren das junge Menschen, die ihr freiwilliges soziales Jahr im Rettungsdienst machten und dann ehrenamtlich dabei blieben. Die neue Kollegin war jedoch aus einem anderen Landkreis hergezogen. Sie war in Dans Alter, hatte schon einige Erfahrung im Rettungsdienst und im Leben und die Chemie stimmte sofort. Das war etwas, das man selten erlebte, deswegen war Dan am Anfang etwas vorsichtig gewesen. Doch es entwickelte sich gut. Nur leider irgendwann in zwei verschiedene Richtungen. Das wusste er jetzt. Denn alles das, was er in ihr sah, hatte dazu geführt, dass er sich in sie verliebt hatte. Bei manchen Gelegenheiten hatte er das Gefühl, dass es zwischen den beiden regelrecht knisterte. Doch dann kam der Abend vor dieser Weihnachtsfeier. Die Kollegin und er hatten sich zum Essen verabredet, wie schon so oft. In Braunfels gab es da dieses Restaurant, wo man gut hingehen konnte, um asiatisch zu essen und sich zu unterhalten.

Sie hatte es nach dem Essen direkt angesprochen. Sie hatte bemerkt, was passiert war. Natürlich hatte sie das. Ihre Auffassungsgabe und ihr wacher Verstand, die waren hauptsächlich dafür verantwortlich, dass Dan für sie Gefühle jenseits von Freundschaft für sie entwickelt hatte. Doch an diesem Abend machte sie ihm vorsichtig, aber bestimmt klar, dass er von ihrer Seite aus in der Richtung nichts zu erwarten hatte. Er hatte genickt. Und sowas gesagt wie: „Okay, schade.“ In der Art jedenfalls. Er verbarg den Riss, der tief in ihm drin entstanden war, geschickt. Erst als er zuhause angekommen war und die Tür seiner Wohnung hinter sich schloss, ließ er den Schmerz an die Oberfläche kommen. Es brannte heiß und verursachte ein Gefühl, als sei seine Mutter ein zweites Mal gestorben. Die abendliche Routine im Bad gestaltete sich schwierig. Immer wieder schweiften seine Gedanken ab. Dann lag er wach im Bett. Am Morgen konnte er sich daran erinnern, dass sein Radiowecker 2:02 Uhr angezeigt hatte, als er das letzte Mal darauf geschaut hatte. Danach war er irgendwie in einen traumlosen Schlaf versunken, aus dem er nicht einfach aufwachte wie jeden Tag, es war mehr, als hätte jemand den Schlaf aus seinem Kopf gezogen. So als wäre der Schlaf eine Lage zähen Teers gewesen, der den Verstand einfach zugedeckt hatte. Der Tag war nicht sonderlich gut gelaufen. Immer wieder kreisten seine Gedanken um die gleiche Sache. „Ruminieren“ sagte man dazu. Er versuchte, sich abzulenken. Wollte seine Lieblingsserie schauen, doch er lag auf dem Sofa vor seinem Fernseher wie jemand, aus dem man das Leben gesaugt hatte. Er hatte Schwierigkeiten, der Handlung der Episode zu folgen, und das obwohl er die Folge schon oft gesehen hatte. Und dann der Abend. Die Weihnachtsfeier. Warum nur?

Und nun saß er hier. Er tat den Kollegen nicht den Gefallen, einfach ein Lächeln aufzusetzen. Das wäre geheuchelt gewesen. Ihm war nicht danach. Warum war er überhaupt hergekommen? Ach ja, der Ablenkung wegen. Sagt doch jeder, Ablenkung tut gut. Deswegen gehen die Leute in den Filmen auch immer in die Fremdenlegion. Um sich mit sinnlosem Töten abzulenken. Dan wusste nicht, wo die Grenze war. Sie konnte nichts dafür. Natürlich hatte sie jedes Recht, seine Gefühle nicht zu erwidern. Aber warum zum Teufel konnte sein Verstand da nicht die Kontrolle über sein Innenleben übernehmen und dieses sinnlose Gedankenreisen unterbinden? Der Verstand sah es klar, die Gefühle nicht. Die Gedanken sprangen hin und her. Es wurden Muster gesucht, die Gedanken versuchten, einen Sinn zu finden. Es gab aber keinen Sinn. Niemand war verantwortlich. Aber wenn er es vielleicht auf eine andere Weise…? Nein! Es wäre immer aufs Gleiche rausgelaufen.

Dan musste an den Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ denken. Der Protagonist des Films, dargestellt von Bill Murray, ist in einer Zeitschleife gefangen. Er muss immer den gleichen Tag, den 2. Februar, wieder und wieder erleben, und zwar so lange, bis er es am Ende schafft, eine Kollegin für sich zu gewinnen. Typisch Hollywood. So funktionierte das wahre Leben nicht. Und wenn er selbst den Tag zuvor wieder und wieder erlebt hätte, es wäre doch aufs Gleiche rausgekommen. Da wäre nie etwas geworden, weil da nie etwas war.

Wie gut, dass der Tauchurlaub in Ägypten schon vorbei war. So unkonzentriert hätte er sich selbst und möglicherweise andere in Gefahr gebracht. Auf der anderen Seite auch schade. Sari und er waren keine Wintertaucher, vielleicht hätte das die Ablenkung gebracht, die er so bitter nötig hatte. Aber Moment! Da war ja noch das Projekt. Ja, das könnte es vielleicht sein! Er könnte sich da einbringen. Vielleicht würde ihm das helfen.

Er verließ die Weihnachtsfeier an diesem Abend relativ früh, früher als man es bei ihm gewohnt war. Er war sowieso kein Freund von solchen Festen, wo der Alkohol in Strömen floss. Die anderen hatten auch keine Ahnung, wie sehr in der Lärm in so einer Umgebung belastete. Es war, als ob alle Lärmquellen nur auf ihn ausgerichtet waren. Als er die Rettungswache verließ und in der kalten Nacht stand, atmete er auf. Er hatte ein Gefühl, wie als sei Druck aus einem Kessel abgelassen worden. Er machte sich auf den Weg durch die dunkle Stadt nach Hause. In seine Wohnung.

Allein.

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