Eine Frage der Perspektive
Eine Frage der Perspektive

Eine Frage der Perspektive

Noch immer wurde an der Mühlenhof-Abteilung der Basis gearbeitet. Zu Zach Urity und Bjarne Buchholz gesellte sich an diesem Tag Max Tronic, der für alles Elektronische verantwortlich war. Er sah gewöhnungsbedürftig aus mit dem Visor, der stets seine Augen verbarg. Aber, so versicherte er immer wieder, ohne den Visor müsste er eine Brille mit dicken Gläsern tragen. Da war es so doch besser, auch wenn es manche Menschen irritierte, dass auf der Oberfläche des Visors Grafiken angezeigt wurden. Dafür konnte Max aber auch mehr sehen als ein normaler Mensch. Die alte Version des Visors hatte er vor nicht allzu langer Zeit abgelegt und durch diesen neuen ersetzt.

An diesem Tag mussten neue elektronische Geräte auf die Räume verteilt und angeschlossen werden. Man fing mit der Küche an. Max kontrollierte ein Panel, als er hörte, wie Zach, der zusammen mit Bjarne gerade einen Kühlschrank die Treppe hochgeschleppt hatte, folgendes sagte: „Ach ja, Computer! Liederliste fortsetzen!“

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Wer die Lieder direkt mithören will, gehe auf die Nummer 21 und starte von da.

Der Computer der Basis bestätigte den Befehl mit einem Piepen, dann lief ein Lied an:

Steam was rising
In the Asian quarter
When she stepped out in the street
Voices dropped
And every eye was on her
As she braved the midnight heat1

Es waren viele Synthesizer zu hören. Eindeutig 1980er.
„Hey!“, rief Bjarne erfreut aus. „Hörst Du den Text. Mal was anderes!“
„Ja, wirklich!“, bestätigte Zach. „Ganz anders als das andere Zeug.“
Max zog die Stirn in Falten, sagte aber nichts. Die beiden trugen den Kühlschrank herein und brachten ihn in Position. Während sie ihn anhoben, um ihn in einem Einbauschrank zu verstauen, endete das eine Lied und das nächste begann. Doch das Lied hatte keinen Text. Es war ebenfalls mit vielen Synthesizern gespielt und klang nach vergangenen Zeiten.
„Wow!“, machte Zach. „Was ist das?“
„Einen Moment!“, sagte Max. Er bewegte den Kopf etwas und die blinkenden LEDs auf seinem Visor änderten Form und Farbe. Zach wusste, dass der Freund nun irgendetwas aufrief, eine Information, die er entweder vom Computer der Station abrief, oder aus dem Internet. Er wurde auch schnell fündig.
„Das Stück heißt ‚Magic Fly'“, meinte er schließlich. „Die Gruppe, die es spielt, nennt sich ‚Space‘.“
„Okay“, murmelte Zach. „Aber eine willkommene Abwechslung. Schon das zweite!“
Max zuckte mit den Achseln. Vielleicht würde sich das Rätsel bald lösen. Zum Rhythmus von „Magic Fly“ hoben Zach und Bjarne den Kühlschrank in den Einbauschrank und befestigten ihn. Dann wurde die ganze Einheit vorsichtig in Richtung Wand manövriert. Mittlerweile war das Lied zu Ende, doch schon begann ein neues:

All day, all day
I don't know why, I don't know how
I thought I loved you, but I'm not sure now
I've seen you look at strangers too many times
The love you want is of a, a different kind2

„Uuuund da sind wir wieder“, nölte Bjarne. „Zurück im Reich der Depression.“
„Reich der Depression?“, wollte Max wissen, der gerade ein paar Einstellungen vornahm, damit man den Kühlschrank würde einschalten können.
„Ja, halt so wie die anderen Lieder“, versuchte Zach eine Erklärung.
„Welche anderen Lieder?“
Zach fuchtelte mit den Händen. „Also, seit wir hier die Umbauarbeiten machen, haben wir uns eine musikalische Untermalung vom Computer geholt.“
„Ist ja nett. Und?“ Max wirkte ziemlich unbeeindruckt.
„Wir haben die Liste anhand der bevorzugten Lieder von Jack, Melville, Mac und Dan zusammenstellen lassen.“
„Und da haben wir vielleicht depressives Zeug gehört, das kann ich Dir aber sagen!“, ergänzte Bjarne. „Ich weiß nicht, aber… kann es sein, dass die Jungs mindestens ein, zwei Probleme haben?“
„Probleme?“ Max legte den Kopf schief. „Was meinst Du damit?“
„Also, wenn man nur das ganze Zeug hört, da wird man ja schwermütig.“ Bjarne hob den Finger. Das Lied klang langsam aus. „Warte, es fängt gleich das nächste Lied an. Dann sehen wir es ja.“

Das nächste Lied begann so:

Mine, immaculate dream made breath and skin
I've been waiting for you
Signed with a home tattoo
"Happy birthday to you" was created for you
Ah, it'll take a little time
Might take a little crime to come undone
Now we'll try to stay blind to the hope and fear outside
Hey child, stay wilder than the wind and blow me in to cry3

„Da, hörst Du es?“, fragte Bjarne. „Da ist es wieder!“
„Ich höre vor allem Duran Duran singen“, erklärte Max. „Was meinst Du genau?“
„Na, der Text!“, sprang Zach ein. „Verstehst Du das: Wen brauchst Du, wenn liebst Du? Alles rückgängig machen, weinen… nicht sehr fröhlich, würde ich sagen.“
„Das ist gut möglich“, sagte Max weiterhin unbeeindruckt. „Und weiter?“
„Ja“, begann Zach und man hörte, dass er immer aufgeregter wurde, „was verrät uns das denn über den geistigen Zustand unserer Freunde?“
„Das weiß ich nicht, was verrät es uns über den geistigen Zustand unserer Freunde?“, wiederholte Max weiterhin stoisch dastehend das eben Gesagte als Rückfrage.
Bjarne sah ihn mit offenem Mund an. „Bei Dir ist auch Hopfen und Malz verloren, oder?“, brummelte er. „Jetzt warte mal, gleich beginnt ein neues Lied. Dann werden wir sehen – oder auch nicht.“

Was das Lied betraf, so war es zunächst eher „oder auch nicht“, denn man hörte die Stimme von Peter Gabriel, die scheinbar sinnlos zusammenhängend darüber trällerte, welches Kind mit welchem anderen Kind spielte, bis auf einmal der Name „Adolf“ fiel und der Text eine scharfe Wendung nahm:

If looks could kill, they probably will
In games without frontiers
War without tears
If looks could kill, they probably will
In games without frontiers
War without tears
Games without frontiers
War without tears4

„Spiel ohne Grenzen“, wiederholte Bjarne dramatisch, „Krieg ohne Tränen!“
„Was ja erstmal nichts Schlechtes wäre“, stellte Max fest. „Also, all diese Liedtexte veranlassen Euch zu einer psychischen Ferndiagnose unserer Freunde?“
„Na, ist doch naheliegend!“, behauptete Zach.
„Ach sooooo“, sagte Max, „das ist naheliegend, ja? Dann lümmeln also die ganzen Menschen, die Psychologie studieren, ein paar Jahre auf der Uni rum, bis sie am Ende ihren Abschluss fürs Nichtstun kriegen, weil ist ja alles naheliegend?“
Bjarne verzog das Gesicht. „So wie Du das formulierst, klingt es irgendwie idiotisch.“
„Weil es das auch ist!“, platzte es aus Max heraus. „Nach allem, was die letzten Jahre war, sind wir alle doch mit den Nerven runter. Vor allem, wenn man zur vernünftigen Fraktion gehört und sich mit Leugnern und militanten Quatschrednern rumschlagen muss! Ihr braucht gar nicht so ‚tough‘ zu tun, Euch nimmt das genauso mit. Und wenn die Jungs das auf diese Weise verarbeiten, ist das doch gut. Musik hat eine große Macht, Gefühle herauszuholen. Und es sind ja auch andere Lieder mit dabei. Wartet mal, mal schauen, was jetzt kommt.“

Sie warteten gespannt. Das nächste Lied klang so, als wollte jemand musikalisch beschreiben, wie eine Schüssel voll Popcorn zubereitet wird, man hörte das Zischen des Fetts und das ploppen der Körner. Und genau das war es auch, was das Lied darstellen sollte, es hieß „Popcorn“. Bjarne und Zach nickten. Sie lauschten der musikalischen Popcornzubereitung bis zum Ende. Dann wurde wieder synthesizerunterstützt gesungen:

Did you get what you want?
Do you know what it is?
Do you care?
Is he better than me?
Was it your place or his?
Who was there?
Did you think it was wrong?
Do you find that it's worse
Than it was?5

„Das erinnert mich an meine erste Freundin“, musste Zach zugeben. „Da wusste ich am Ende auch nicht, was sie wollte.“
„Na siehst Du!“, sagte Max. „Das ist doch der Sinn von Kunst. Wir finden etwas von uns selbst wieder. Nicht immer und nicht überall und vor allem nicht immer zu 100 Prozent, aber doch irgendwie. So ein Lied kann einem helfen, den Schmerz zu überwinden – oder erstmal herauszulassen. Das muss man nicht pathologisieren.“
„Hm“, machte Bjarne und lächelte, „wie klug Du bist.“
„Logisch“, gab Max zurück. „Ich bin ja auch fünf- bis siebenmal intelligenter als Ihr.“
Jetzt lachten Bjarne und Zach. „Ach so“, sagte Zach. „Das kannst Du natürlich beweisen.“
„Klar!“, erwiderte Max selbstbewusst. „Sag eine natürliche Zahl zwischen eins und neun!“
Zach zuckte mit den Achseln. „Sieben“, antwortete er.
„Falsch!“, fuhr ihm Max in die Parade. „Siehst Du?“
Er blickte unsicher zu Bjarne. War das jetzt ein Witz gewesen? Doch viel Zeit zum Nachdenken blieb ihm nicht, denn schon schob Max nach: „Na los, lass uns weitermachen. Wir haben noch was zu tun.“
„Ja klar“, fügte sich Zach. „Computer, Musik anhalten und Position in der Liste abspeichern.“
Der Computer antwortete mit einem fröhlichen Piepen und die drei gingen weiter ihrer Arbeit nach.


1 – Robbie Nevil: „Dominoes“
2 – Pet Shop Boys: „Domino Dancing“
3 – Duran Duran: „Come Undone“
4 – Peter Gabriel: „Games Without Frontiers“
5 – Pet Shop Boys: „I don’t know what you want but I can’t give it anymore“

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